Summ, summ, summ – Laline Paull: Die Bienen

DSC_1021Das Leben der Bienen. Aus der Sicht einer Biene. Keine Sorge, der Roman ist kein seitenlanges Gebrumm und Gesumm. Hinter dem – sehr hübsch gestalteten – Cover verbirgt sich eine ganz andere Welt. Das sagt man ja schnell mal, aber das hier ist wirklich eine andere Welt. Der Roman nimmt uns mit in einen Bienenstock. Wir begleiten Flora 717, eine Säuberungsbiene. Ich will jetzt keine Abhandlungen über die gesellschaftliche Ordnung eines Bienenvolks verfassen (als könnte ich das!), nur so viel: Säuberungsbienen sind die rangniedrigsten Bienen. Aber – und das kommt nicht überraschend, sonst wäre ich vermutlich nach den ersten zehn Seiten eingeschlafen – Flora 717 hat (natürlich) besondere Fähigkeiten. Sie steigt innerhalb des Bienenstocks auf. Das passiert nicht leicht und nicht schnell in einer so starren Gesellschaft wie die der Bienen. Als echte Selfmade-Biene steigt Flora 717 sogar in den engeren Hofstaat der Königin und bis zu den Sammlerinnen auf. Sie kann und darf fliegen, und mit dem Entfalten ihrer Flügel scheint sich auch ihre Perönlichkeit zur Gänze zu entfalten. Sie darf nun den Bienenstock verlassen und erkundet eine für sie völlig neue Welt. Wir kommen mit auf ihre Entdeckungsreise und sehen unsere Welt mit ihren Augen. Natürlich hat es ein Emporkömmling aus den dunkelsten Ecken des Bienenstocks nicht leicht, bis ganz nach oben zu kommen. Aber Flora 717 meistert alle Anfechtungen und Widrigkeiten. Ein dummes, kleines Missgeschick bringt sie allerdings ganz besonders in Bedrängnis: Sie legt ein Ei. Ein Privileg, das nur der Bienenkönigin vorbehalten ist. Und das gibt Ärger.

Wie sehen und erleben Bienen die Welt? Nun, anders als wir Menschen. Und das macht den Einstieg in diesen Roman zunächst etwas schwierig. Laline Paull versucht, die Sinneswahrnehmung der Bienen in für Menschen wahrnehmbare Signale zu übersetzen. Wir riechen und schmecken mit den Füßen, reagieren plötzlich empfindlicher auf Feuchtigkeit und Vibrationen. Ein anfangs sehr ungewohntes Leseerlebnis. Aber auch sehr lohnenswert – einfach anders. Die teilweise bedrückende Enge des Bienenstocks wird spürbar, die erbarmungs- und gnadenlose Härte des Lebens in der strengen Bienengesellschaft nimmt gefangen. Nix Biene Maja – das ist harter Tobak, es wird gekämpft bis aufs Blut, um Leben und Tod und die festgefahrenen Strukturen, die Flora 717 durch ihr Anderssein angreift, schlagen immer wieder gnadenlos zurück – bis die selbsternannte Königin ihr eigenes Reich gründen kann.

Ein bienenstarkes Leseerlebnis, nicht unbedingt leicht, aber unterhaltend, dabei keine der Animationsfilmbienen-Komödien à la Bee Movie.

Laline Paul: Die Bienen ist 2014 erschienen beim Tropen-Verlag ISBN: 978-3-608-50147-6. Das Buch kostet summa summarum (haha!) 19,95€, als TaBu nen Zehner weniger.

Das geheime Leben der Bäume

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Irgendwann sah ich mal ein Interview mit Peter Wohlleben, dem Autor dieses Buchs, im Fernsehen. Und dann stand das (noch ziemlich neue) Buch im Geben-und-Nehmen-Regal in der Kirche. Da musste es einfach mit. Was mich genau erwartete, wusste ich noch nicht. Normalerweise tue ich mich mit derartigen Büchern etwas schwer, da wird mir das Lesen schnell zur Arbeit.

Das war hier definitiv nicht der Fall. Der Autor, selbst Förster, beschreibt seine eigenen Erfahrungen im Umgang mit Bäumen und „Wald“ im Allgemeinen und bringt interessante neue (zumindest für mich) wissenschaftliche Erkenntnisse zum „Sozialverhalten“ der Bäume ein: Bäume als soziale Wesen, die interagieren, sich helfen, sich absprechen können. Ein sehr aufschlussreiches Sachbuch, dass mich das Ökosystem Wald auf unterhaltsame Art ganz neu hat entdecken lassen.Wohlleben macht sich stark für eine Renaturierung des Waldes, gegen die industrielle Forstwirtschaft, zurück zu einer nachhaltigen und umweltschonenden Bewirtschaftung der heimischen Wälder. Es wird aber kein ökologischer Zeigefinger geschwungen, eines jedoch wird klar: So ein Wald ist komplexer als man zunächst denkt – da stehen nicht nur einfach so ein paar Bäume rum. Und dieses Ökosystem gilt es zu schützen. Denn es ist wertvoll und einzigartig. Bäume sind eben auch nur Menschen. Aber anders.

 

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume, München (Ludwig) 2015, ISBN: 978-3-453-28067-0,  gut angelegte 19,99 €

 

Lektionen aus dem Krematorium

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Da ich einen gewissen Hang zum Morbiden und zu morbidem Humor habe, brachte mir mein treusorgendes Eheweib (die beste unter allen!) dieses sehr hübsch gemachte Büchlein mit.

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Auf den ersten Blick wirkt es doch recht humoristisch, der Titel klingt nach leichter Unterhaltung mit morbidem Unterton. Mit dieser Erwartung ging ich an die Sache ran. Und dann war’s um mich geschehen, ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Unterhaltend ist dieses Buch, das stimmt. Aber es geht weitaus tiefer.

Die Autorin Caitlin Doughty ist 1984 geboren (ein wahrhaft guter Jahrgang). Sie erzählt hier ihre eigene Geschichte (weitgehend authentisch mit literarischen Aufhübschungen, will ich meinen). Nach dem Studium der Mediävistik arbeitete sie in einem kleinen Krematorium in Los Angeles, wohl weil sie Geld brauchte und sich für die Theamtik interessierte. Sie berichtet brutal ehrlich bis karikierend über ihre Tätigkeit und ihre Erlebnisse. Der Ton ist leicht ironisch, aber auch nachdenklich und tief ehrlich. Sie berichtet vom Umgang mit dem Tod in den Vereinigten Staaten, von einem Totenkult, von kostspieliger Einbalsamierung mit Pomp und Tata bis hin zur anonymen Kremation Obdachloser oder auch nur von Körperteilen, die der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wurden. Nichts für leichte Mägen also – aber auch nichts für leichte Hirne. Denn die Autorin widmet sich der Frage, welche Rolle denn der Tod in unserer Gesellschaft einnimmt, und wie wir damit umgehen. Jetzt kann man sagen: „Ach, das ist doch in Amerika immer alles viel amerikanischer, man kennt das ja. Das hat mit gutem deutschen Bestatten nichts zu tun.“ Um darüber zu urteilen, kenne ich mich zu wenig mit dem deutschen Bestattungswesen aus, aber die Frage zu stellen, welchen Platz der Tod in unserer Gesellschaft einnimmt, ist wichtig und richtig: Den Tod als Teil des Lebens anzunehmen und auch zu feiern, das ist das Plädoyer der Autorin.

Hochinteressant!

Wer sich – wie ich – nach dem Buch weiter mit dem Thema beschäftigen will, dem seien zusätzlich die Kanäle angepriesen, auf denen sie unterwegs ist:

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Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium, München (C.H. Beck) 2016, ISBN: 978-3-406-68820-1, Preis unbekannt (und ein Gentleman recherchiert hier auch nicht, wenn’s ein Geschenk war…)

Mönsch, Äwwin! Thomas Krüger: Erwin, Enten & Entsetzen

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DSC_0991Den ersten Teil hatte ich dereinst als Hörbuch zu mir genommen. Die Geschichte um den Gummistiefel-Detektiv Erwin Düsedieker aus Versloh-Bramschebeck geht aber weiter. Dieser Band ist nach „Erwin, Mord & Ente“ und „Entenblues“ schon Nummer drei. Logischerweise sind auch drei Ermittlungsenten dabei – Lothar und Lisbeth, zwei weiße Laufenten und deren Nachwuchs, Alfred. Alfred ist schwarz. Nun ja. Honi soit qui mal y pense…

Da ich Teil zwei bisher verpasst habe (ich muss zugeben, dass mich das große Brimborium, in dem sich hinterher alles verstrickte und man im Bramschebecker Hinterland eine monströse Altnazi-Bunkeranlage entdeckte, ein wenig ver- und gestört hat), habe ich einige Entwicklungen verpasst.

Für alle die, die nun gar nicht wissen, wovon ich hier eigentlich spreche: Erwin Düsedieker ist der – leicht zurückgebliebene, aber doch wohl recht schlaue – Sohn des ehemaligen Dorfpolizisten von Bramschebeck, einem kleinen Dorf im Nirgendwo vermutlich (ost-) westfälischer Beschaulichkeit. Er wohnt mit seiner Laufente Lothar und dessen Familie in der ehemaligen Polizeiwache, in der er sich mit einer goldenen Badewanne in seiner umfangreichen Bibliothek recht komfortabel eingerichtet hat. Zum Ermittlungsteam gehört auch Arno Wimmelböcker, hauptberuflich betrunken und ein Freund des Hauses. Er lebt zusammen mit Hilde Gerkensmeier auf einem Hof in Bramschebeck und arbeitet dort (je nach dem mehr oder weniger intensiv) daran, den Hof flott und die Wacholdervorräte gering zu halten.

Lina, Erwins Freundin, besucht ihre Schwester auf der Insel Oddinsee. Sie schreiben sich regelmäßig, doch plötzlich bricht der Kontakt ab. In der Zeitung liest man zudem von einer unbekannten Toten, die an den Strand der Insel gespült wurde. Erwin plant nun das Revolutionäre: Das erste Mal in seinen ca. 60 Lebensjahren will er Bramschebeck und Umland verlassen! Zusammen mit den oben beschriebenen Gestalten und natürlich den drei Enten macht er sich auf den Weg zu seiner geliebten Lina und deren Schwester. Als sie auf der Insel ankommen, ist der Hof bis auf die Feriengäste verwaist. Nun beginnt die Suche, die Erwin und seine Freunde mal wieder in gefährlichste Gefahr bringt…

Mehr will ich nicht verraten, nur so viel: Es wird wieder abstrus und unterirdisch (nicht als Wertung, sondern im wahren Wortsinn). Schweres Geschütz wird aufgefahren.

… und das ist dann wieder das, was mich stört. Natürlich ist es richtig und gut und nett und schön, das Klischee des „Eiapopeia-Landkrimis“ aufzubrechen und durch die sonderlichsten Monstrositäten zu ironisieren. Aber… hm… mich kriegt’s nicht so. Und dabei finde ich Enten großartig. Nicht nur mit Soße.

Thomas Krüger: Erwin, Enten & Entsetzen, München (Heyne) 2015, ISBN: 978-3-453-41876-9, 9,99 € (Taschenbuch)

Die unglaubliche Reise des Smithy Ide

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_20160528_114212.JPGDieses Buch habe ich irgendwann als Mängelexemplar auf einem der üblichen Grabbeltische gefunden. Nachdem ich es gelesen hatte, hing ich ihm noch recht lange nach und gurkte ein wenig durch das Internet. Ich fand eine Rezension, die (sprachlich schlecht) dieses Buch als „langweiligstes Buch, dass (sic!) ich je gelesen habe“ niedermachte. Diese ließ mich in Zorn entbrennen und ich holte über die mir verfügbaren Kanäle zum Gegenschlag aus, der aufgrund der (schlecht gemachten) Thalia-App fehlschlug. Nun ja. Egal. Jetzt versuche ich hier noch einmal, eine Lanze für dieses Buch zu brechen.

Zugegeben, es liest sich etwas schleppend an. Aber das ist genau das, was dieses Buch ausmacht: Das gemäßigte Tempo. Fangen wir aber beim Anfang an:

Smithy Ide wächst in Rhode Island auf. Wir lernen ihn als Mittvierziger kennen: Raucher, Alkoholiker, fett und mit dem Leben soweit fertig lebt er in einer Wohnung, die er hasst und macht mit den Eltern gemeinsam Urlaub in einem Haus am See. Während er noch einen Tag dort bleibt, um still weiter zu trinken, verunglücken seine Eltern auf der Heimfahrt tödlich. Mehr in einem Nebel nehmen wir – zusammen mit dem alkoholisierten Smithy – war, was geschieht. Langsam bekommen wir erste Einblicke in die Familie des Protagonisten.

Langsam. Da haben wir es wieder – das Buch beginnt langsam. Es nimmt erst Fahrt auf, als auch Smithy Fahrt aufnimmt – und zwar mit seinem Fahrrad aus Kindertagen, das er in der Garage findet. Nachdem er in der Post seiner Eltern einen Brief aus Los Angeles gefunden hat, dass auch seine (vermisste) Schwester verstorben ist, macht sich Smithy mehr oder weniger spontan bis ungeplant (und vielleicht auch unbewusst) auf die Reise mit dem Fahrrad durch ganz Amerika – von Rhode Island im Nordwesten nach Kalifornien.

Die Reise, die wie ein kurzer Ausflug beginnt, ist natürlich nur bedingt die Reise zu seiner verstorbenen Schwester, vielmehr ist sie eine Reise zu sich selbst. Wir erfahren in Rückblicken viel über die schönen Tage der Kindheit, aber auch über das Leid, dass die Schizophrenie der Schwester über die Familie brachte. Wir erfahren viel über die Umstände, wie Smithy, der ein schmächtiger, sportlicher Junge war, zu einem lebenssatten, fetten Alkoholiker wurde – und wir erleben gemeinsam mit dem Protagonisten, wie er – auch mithilfe zahlreicher interessanter Begegnungen – wieder zu sich selbst findet, schlussendlich sogar zu einer Liebe, die bis in die Kindertage zurückreicht.

Tritt für Tritt radelt sich Smithy Ide die Seele frei von den Gespenstern der Vergangenheit. Das Tempo des Buches ist – wie ich meine – dem Erleben des Ich-Erzählers angeglichen. Zunächst sehr behäbig und nahezu verschwommen geht es los, wird immer frischer und klarer auf der Reise. In der Botschaft und der Story ähnelt es sicherlich der „Unwahrscheinlichen Pilgerreise des Harold Fry“, über die ich vor Längerem berichtet habe. Und doch ist es ganz anders. Mich hat’s jedenfalls gepackt. Und ich war wirklich skeptisch, da ich jedem Buch gegenüber, das nicht in England spielt (und dann auch noch Amerika!), skeptisch bin.

Ich wünsche viel Freude dabei. Man entdeckt sich (zumindest mir ging es so) oftmals auch selbst in vielen der kleinen Erkenntnisse entlang der Reise.

Auf dem Menüplan finden sich folgende Angaben:

Ron McLarty: Die unglaubliche Reise des Smithy Ide, München (Goldmann) 2008 (6. TB-Aufl.), ISBN: 978-3-442-46558-3, sofern nicht vom Grabbeltisch: 8,95 €.

Totgesagte…?

Zeit- und Lustlosigkeit sowie der Glauben an die absolute Nutzlosigkeit meiner Gedanken für eine (mehr oder weniger) breite Öffentlichkeit haben mich hier nun für über zwei Jahre verstummen lassen. Ich habe heute morgen versucht, den Blog zu löschen, scheiterte dabei aber. Und da ich der Meinung bin, dass die still vor sich hin schwärenden Geschwüre dieser „Alles-anfangen-und-nichts-weiterführen“-Krankheit, von der ich befallen bin, entweder ausgebrannt oder gepflegt gehören, bleibt mir nichts anderes übrig, um diesen Vormittag zu nutzen und ein Lebenszeichen in den Äther zu blasen.

Vielleicht ist dieses Lebenszeichen nur ein Aufbäumen, bis ich nach weiteren zwei stillen Jahren endlich den Delete-Button  gefunden habe – wer weiß? Gelesen habe ich inzwischen eine ganze Menge (und doch lange nicht so viel, wie ich gerne wollte), erlebt noch mehr. Ob das alles so erzählenswert ist, ist und bleibt die große Frage.

Also. Schau’n wir mal, wie die Totgesagten so leben.

Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

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Dit Buch ha‘ick mir in Berlin jekooft. Dort war ich mit dem Seminar auf Abschlussfahrt und wir besichtigten einiges, unter anderem auch das Holocaust-Mahnmal. Im dazugehörigen Shop, der einige wirklich gute Bücher zum Thema Judenverfolgung/3. Reich im Angebot hat, erstand ich eben jenes Buch. Zugegeben, die Thematik hat mit Judenverfolgung und Drittem Reich rein gar nichts zu tun – aber es klang einfach gut und musste mit.

Worum geht es also? Der junge orthodoxe Motti (das ist die Koseform von Mordechai) lebt in Zürich und studiert (irgendwas mit Wirtschaft). Nebenbei arbeitet er bei der Versicherung seines Vaters. Seine mame (jid.: Mutter) versucht, eine passende Frau für ihren Sohn zu finden, doch leider ist dieser mit keiner der Dargebotenen einverstanden. Die Frauen aus der Zürcher Gemeinde scheinen ihm alle der Mutter zu ähnlich: Dicker tuches (Hintern) und ansonsten eher uninteressant. Auch der Versuch, sich mit einer Leidensgenossin zusammenzutun und so den Vermittlungsversuchen der Mutter zu entgehen, scheitert, wird doch die Planung der chassene (Hochzeit) nun zur omnipräsenten Plage.
Motti reist sogar nach Tel Aviv, um dort mithilfe seines nicht ganz so orthodoxen Onkels ein mejdele (Mädchen) zu finden. Allerdings läuft nicht alles ganz nach Plan und Motti stellt seine orthodoxen Wurzeln in Frage – denn da gibt es auch noch Laura, eine gojete (Nichtjüdin). Sie studiert zusammen mit Motti und ganz besonders ihr tuches hat es ihm angetan…

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse beschreibt eine Entwicklung, die Entwicklung Mottis vom orthodoxen Juden mit zu kurzen Hosen und zu langen Ärmeln zu einem modernen Juden, der sich immer mehr aus der orthodoxen Enge seines Elternhauses befreit. Der Roman ist leicht und schön geschrieben und gibt wunderbare (und auch komische ) Einblicke in das Leben eines jungen orthodoxen Juden in der modernen Welt. Das Buch ist durchgehend mit jiddischen Ausdrücken gespickt und somit anfangs etwas schwer zu lesen, man findet sich jedoch sehr schnell ein. Im Anhang findet sich auch ein Glossar (und ein Rezept fir mame Wolkenbruchs Matzen-Knajdlech – Me ken lekn di finger!).

Dieses Buch ist jedem zu empfehlen, der Freude an Ent- und Verwicklungen hat und der sich selbst nicht immer so unbedingt ernst nehmen muss. Tiefergehende Kenntnis jüdischer Kultur sind nicht grundlegend nötig, erleichtern jedoch manches und ermöglichen vertieftes Schmunzeln.

Erschienen ist der Roman 2012 bei Diogenes, er hört auf die ISBN 978 3 257 24280 5 und kostet zehneuroneunzich.

Die wirklich allerletzte Praline!

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Carsten Sebastian Henn: Die letzte Praline. Ein kulinarischer Krimi, Pendo-Verlag, München 2013. ISBN: 978-3-86612-335-9, 16,99€

Letztens schlich ich durch die Regale einer Buchhandlung und mir fiel dieses Buch in die Hand. Schick in rosa aufgemacht, mit einer Pralinenschale vorne drauf – ein kulinarischer Krimi, in dem es um Schokolade gehen sollte, zudem versprachen die werbewirksamen Rezensionen einen Hochgenuss.

Der Inhalt kurz und wertfrei  zusammengefasst: In Brügge findet die Weltmeisterschaft der Chocolatiers statt. Der schon aus zwei weiteren Bänden der Reihe (mir noch nicht) bekannte Prof Dr. Dr. Adalbert Bietigheim, Inhaber des Lehrstuhls für Kulinaristik an der Uni Hamburg, ist als Chefjuror eingeladen. Leider findet sich schon vor Beginn des Wettbewerbs eine Leiche, eine junge Frau, die, ganz in Schokolade eingehüllt, ihr Leben ließ. Der Professor und sein treuer Terrier (Benno von Saber) versuchen, diesen Fall zu lösen – gemeinsam mit dem Hamburger Taxifahrer Pit, der dem Professor immer schon geholfen hat (ich kenne wie gesagt leider die Vorgängerbände nicht). Natürlich verträgt sich das nicht mit der örtlichen Polizei, plötzlich taucht ein süd- bis mittelamerikanischer Jaguarkrieger auf, der, wie es aussieht, nach und nach die Wettbewerber ausschaltet. Mehr kann ich nicht verraten, vielleicht will’s ja noch jemand lesen (und ich will mein Exemplar schließlich auf dem WWW-Gebrauchtbuchmarkt auch schnellstmöglich wieder loswerden).

Es geht schon los mit Prof. Dr. Dr. Bietigheim, Adalbert Bietigheim. Ein kultiviert-blasierter Spinner wie man ihn in höchsten Akademischen Kreisen oft anzufinden hofft – dann aber feststellen muss, dass es solche Gestalten nur der in Münsteraner Pathologie gibt, im Tatort. Mir scheint dieser Typ Mensch hier sowas von eindeutig und klischeehaft-schlecht abgekupfert zu sein, dass es mir von Anfang an wie mühselige Arbeit vorkam, diesen Schinken zuende zu lesen. Nicht, dass es dabei bleiben würde – der unerzogene Drecksköter (pardon, eigentlich mag ich Hunde) des Herrn Professor ist natürlich auch dabei – neurotisch, mit Stammbaum und für die Mengen an hochwertigem und -kalorischem Futter noch bemerkenswert fit.
Kurz darauf kommt noch der Hamburger Taxifahrer Pit Kossitzke, ein (Alt)Rocker dazu, um den Professor bei seinen Tätigkeiten zu unterstützen – da geht’s schon los. Der klischeehafte Boerne-Abklatsch trifft auf einen intellektuellen, aber herzlichen Gegenpol ( Taxifahrer) und hat noch dazu eine burschikose, viel rauchende Freundin mit heiserer Stimme – das ist mir ein bisschen zu viel in eigene Traumwelten umgebogener Münster-Tatort in einem Buch.
Um hier noch ein Beispiel für billigste, ausgeleierte und klischeehafte Pointen zu bemühen: Die Kinder der (ach so nervigen) Verwandschaft des Profs heißen Kevin, Chantalle, Angelina und Heinz-Horst.

(Anmerkung dazu: Um die Personenkonstellation und -beschreibung besser verstehen und bewerten zu können, empfähle es sich sicherlich, auch die beiden Vorgängerbände zu lesen – aber das will ich mir einfach nicht antun!)

Et is ja janz jut un schön, wenn man mal was über Schokoladenherstellung und auch über Brügge erfährt, aber auch ein scheußliches Gemälde wird ja nicht schöner, wenn man den Rahmen poliert.

Alles wirkt ziemlich konstruiert, die Charaktere sind derart schlecht und klischeehaft gezeichnet, dass ich mich schon frage, ob da irgendeine ironische Brechung vorliegt, die ich nicht verstanden habe und die das Ganze zu Kunst macht. Ich fürchte nicht. Immer wieder bin ich beim Lesen auf völlig übertriebene, konstruierte  Details gestoßen, die mir das Lesen verleideten. Kurzum: Ein durch und durch schlechtes Buch – und, ja, ich fühle mich wie MRR, wenn ich das schreibe (auch mal interessant) – mit einem furchtbar schwachen Ende. Das ist dann ja immer das allerschlimmste. Man quält sich und quält sich und hofft auf das Ende und dann – ja… Der Prof. behält seine Erkenntnisse für sich, was das Spekulieren und „Mitraten“ schwierig bis unmöglich macht, außerdem sind auch die Motive für diese Morde wieder sowas von an den Haaren herbeigezogen – ich hör jetzt auf. Gut jetzt! Selber lesen – oder besser lassen!

PS: Was mich nach dem Lesen des Buches wieder ein bisschen versöhnt hat, war der Anhang, in dem sich ein paar Schokoladen-Rezepte finden, die im Buch vorkommen – außerdem ein nett gemachtes Register von Fachbegriffen sowie eine schöne Danksagung. Und der Umschlag ist wie gesagt ganz hübsch…

Eine Rheinisch-Bergische Tour

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Heute ging es auf Tour mit João, einem meiner Lieblingskollegen. Wir wollten zwei Stündchen gehen und dann wurden es vier…Wie es eben so geht, wenn es eben geht… und wenn man geht. 

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Hier ist die Google-Route, laut dieser sind es 18,75 km. So war das nicht geplant… aber gut.

Gestartet sind wir in Langenfeld, von dort aus ging es in Richtung Friedhof, dann weiter zur Gedenkstätte Wenzelnberg, wo kurz vor Kriegsende 71 Gefangene erschossen wurden. In diesem „Kessel“ wird es einem tatsächlich immer noch mulmig, wenn man sich das vorstellt.  Den Lebenden zur Mahnung…
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Weiter ging es, am Rupelrather Friedhof vorbei durch die Ortschaft Ziegwebersberg (gehört zu Leichlingen). Hier fanden wir einen sehr hübschen Kleidersammelcontainer,  von dem wir erst dachten, irgendein kreativer Weltverschönerer hätte sich hier ausgetobt, aber anscheinend gibt es mehrere davon. Mir gefällt dieses Modell jedenfalls sehr gut.
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Weiter ging es, vorbei an einer der skurrilsten  Baustellen das Landes, dem Schloss Müllerhof. Bilder gibt es leider keine, weil die dort lebenden  und arbeitenden Menschen sehr allergisch auf Lichtbildapparate aller Art reagieren – warum auch immer. Wer jedenfalls mal ein ostpreußisches Gutshaus im Bau erleben will, komplett mit Ententeich und Fontäne, Türmen und so, der sollte sich mal auf den Weg machen – sehr empfehlenswert,  es zu „umwandern“!

Dann ging es durch die Ortschaft Gosse (an dieser Stelle Entschuldigung an meine dort ansässigen Eltern,  dass ich nicht Hallo gesagt habe) durch’s Birkendahl auf den Ölberg.  Nach einem Blick über die Landschaft liefen wir in  Richtung Eickenberg/Gillich weiter. Dort bot die wonnig-sonnige Beleuchtung die Möglichkeit für schöne Fotos.
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Überhaupt lag über allem schon der Hauch des Frühlings. Hoffen wir, dass der Schnee nicht mehr kommt (man wird ja noch träumen dürfen).
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Kurz entschlossen wandten wir uns nun bergab, ins Ölmühlental, Richtung Haasenmühle und Wipperkotten (Über das Thema Bergische Heimatkunde habe ich mich heute zu Joãos Leidwesen wohl schon mehr als genug ausgelassen, daher verzichte ich hier auf nähere Ausführung für nicht Ortskundige.  Wer wissen will, was ein Kotten ist, der bemühe Wikipedia!). Hier im dunklen Tal war es gleich wieder kühler, auch wenn an der Wupper dann wieder die Sonne ihr Werk verrichtete.
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Nun begab es sich aber zu der Zeit, da irgendwer in Solingen und Leichlingen bekloppt war und deshalb die allseits beliebte Juckelsbrücke wegen Baufälligkeit sperrte, dass wir bis nach Leichlingen laufen mussten, um den Fluss zu überqueren, so wir nicht an einer viel befahrenen Straße entlang gehen wollten.  Deshalb marschierten wir weiter durch den Kradenpuhl,  bis Unterberg.  Kurz danach bogen wir ab zum Schloss Eicherhof.
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Dann ging’s hinter meiner alten Schule her, endlich über die Wupper, kurz durch die Leichlinger Innenstadt.  Hier waren die von mir sehr geliebten Strickguerillas unterwegs. Jede Laterne ist umstrickt. Diesen ganz besonders hübschen Baum musste ich dann noch ablichten.
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Jetzt war die Lust neben der Kondition langsam am Ende,  daher liefen wir einfach und schlicht weiter nach Langenfeld,  wo wir dann gegen viertel vor fünf wieder ankamen. Das einzige, was wir noch tun konnten, war, herzhaft in einen wundervollen Döner zu beißen. Himmlisch!
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Die Spieluhr

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Zugegeben, mir fiel das Buch im Laden auch nur ins Auge, weil es wie ein Anachronismus aussah: In grünem Leinen eingebunden, mit Golddruck. Erst dachte ich „Nanu!“, dann schaute ich genauer hin. Und dann dachte ich nochmals „Nanu!“, denn der Verfasser kam mir namentlich aufs Merkwürdigste bekannt vor: Ulrich Tukur. Wie gesagt, ich dachte „Nanu!“, denn Ulrich Tukur kennt man ja eher aus Film und Fernsehen.  Wird ja ein schöner Mist sein, den sich so ein Mime zusammenschreibt,  dachte ich. Der soll machen, was er kann und nicht rumexperimentieren. Schuster, bleib bei deinen Leisten und so… Und trotzdem habe ich es mitgenommen, weil ich einfach nicht widerstehen konnte, ein richtig schönes Buch, dass aussieht, als sei es viel älter, als brandneues Exemplar mit nach Hause zu nehmen. Warum zum Geier sind Bücher eigentlich heute nicht mehr so schön und liebevoll gemacht? Das ärgert mich oftmals sehr, und so war diese Buch denn wohl auch eher ein Protestkauf gegen Schlampigkeit und Lieblosigkeit im Verlagswesen.

Anmerkung: Allem Gemecker zum Trotz: Es ist ja schon wieder viel besser geworden als noch vor einigen Jahren, und da müssen alle Bibliophilen den E-Books dankbar sein. Denn wenn man Bücher als haptisch-ästhetisches Erlebnis verkaufen muss, ist mehr Aufwand bei der Gestaltung zwingend notwendig.

Aber zurück zum Thema: Die Spieluhr. Eine Novelle von Ulrich Tukur,  so heißt das Büchlein (wie sich das für ein Novellchen gehört, umfasst es nur 150 Seiten) – zum Thema hat es… ja… Fangen wir anders an. Gestern Abend habe ich das Buch ausgelesen. Zwei Abende reichen auch völlig aus. Erstmal jedenfalls. Ich weiß, dass ich es noch einmal lesen muss, lesen will. Um es ganz zu verstehen, aber auch, um es noch einmal zu genießen.  Es ist sprachlich so schön gemacht (wie man es einem Schauspieler niemals zutrauen würde), ist so dicht und wunderbar phantastisch verwoben, dass es eigentlich eine Schande ist, es in diesem Blog hier vorzustellen. Denn das ist tatsächlich richtige Literatur. So mit Anspruch und so. Gleichzeitig ist es aber auch wunderbar leicht und schnell.  Ich bin fasziniert, vielleicht ändert sich meine Meinung nach dem zweiten Lesen  nochmal, dann werde ich das hier ergänzen.
Also kurz zum Inhalt. Ein Film wird gedreht, plötzlich verschwindet der Regieassistent und kommt Tage später völlig verwirrt zurück. Er war in einem verfallenen Schloss, wo er allerlei Wunderdinge erlebte, einen alternden Marquise (denn das Ganze geschieht in Frankreich), seinen Sohn, einen virtuosen Cembalospieler kennenlernte und das Bild einer Ahnin des Marquise entdeckte, das ihm merkwürdig belebt erscheint. Er verliebt sich in die Schöne, nein : entbrannte für sie, die eine düstere Vorgeschichte hat. All das ist eng verknüpft mit einer Spieluhr,  auf der eine Porzellan gewordene Tänzerin ihre ewigen Runden drehen muss…
Der Regieassistent wird bald darauf aufgeknüpft an einer Linde gefunden, ganz ähnlich wie es der Protagonistin des Films und ihrem wahren Vorbild auch ergehen wird. Durch einen rätselhaften Abschiedsbrief angeregt macht sich der Erzähler auf die Suche und findet sich plötzlich auch auf dem Schloss wieder, allerdings in einer anderen Zeit und als andere Person. Mehr wird nicht verraten,  nur so viel: Auch er entdeckt das Bild der schönen Marquise, auch er spricht mit dem Cembalisten Amadé und irgendwie hat alles verblüffend viel Ähnlichkeit mit der verfilmten, wahren Begebenheit aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Klingt rätselhaft, oder? Ich tue aber auch das, was einige tun, die Bücher vorstellen müssen,  die sie (noch) nicht ganz ergründet haben – ich verschweige, was mir unklar ist und werde nicht recht konkret. So gehört sich das doch, oder?

Die Spieluhr ist auf jeden Fall ein Buch für sprachbegeisterte Ästheten mit Sinn für Schräg-Mysteriöses, geradezu Poeskes (der Name eignet sich nicht recht zum Verworthülsen: „an E.A.Poes Werke gemahnend“ soll das bedeuten).

Die hübsche Ausgabe ist bei Ullstein erschienen und unter der ISBN 978-3-550-08030-2 zu finden. Sie ist mit 18,99 € recht teuer für so ein kleines Büchlein,  aber wie gesagt: Kenntnis und Besitz schmücken Geist und Bücherregal!